In den vergangenen Jahren sind die Kosten im schweizerischen Gesundheits- und Sozialwesen kontinuierlich gestiegen – von rund CHF 69 Milliarden (2013) auf über CHF 90 Milliarden (2023). Dabei sind die Kosten der Krankenhäuser um rund 8.4 Mia.(+33 %), die Kosten der Arzt- und Zahnarztpraxen um rund 5 Mia. (+37 %), sozialmedizinischen Institutionen 3 Mia. (+25 %) und im gleichen Zeitraum die ambulanten Leistungen um weitere 1.7 Mia (rund +70 %) höher als im Vergleich zu 20131) .
Gründe sind die demografische Alterung, steigende Morbidität, Fachkräftemangel, höherer Qualitäts- und zunehmender Administrationsaufwand sowie die Fragmentierung der Versorgungslandschaft. Ende Oktober 2025 wurden im Rahmen eines runden Tisches insgesamt 38 Massnahmen in zwölf Handlungsfeldern zur Beseitigung von Fehlanreizen und Ineffizienzen im Gesundheitswesen verabschiedet. Die Umsetzung dieser Massnahmen soll zu einer Kostensenkung von rund 300 Millionen Franken schweizweit führen.
Ein wirksamer Ansatz, der der zunehmenden Kostenexplosion und dem damit verbundenen wachsenden Bedarf an Versorgungsleistungen begegnen kann, liegt nicht in der alleinigen Kostendämpfung, sondern in der Steigerung von Effizienz, Wirkung und Output. Ein zentraler Schlüssel dazu ist die integrierte Versorgung.
Integrierte Versorgung – weg vom Silodenken
Kern integrierter Versorgungsmodelle ist die strukturierte Kooperation aller relevanten Leistungserbringer über Disziplin- und Institutionsgrenzen hinweg. Ziel ist ein nahtloser, patientenorientierter Behandlungspfad, in dem die Betroffenen aktiv einbezogen und zur Selbststeuerung befähigt werden. Durch standardisierte Prozesse und definierte Behandlungspfade werden Entscheidungen nachvollziehbar und qualitätsgesichert getroffen. Wesentlich für das Funktionieren solcher Modelle ist die (digitale) Vernetzung, um allen involvierten Parteien die nötigen Informationen zur richtigen Zeit zugänglich zu machen.
Der Bundesrat hat den Handlungsbedarf in diesem Bereich ausdrücklich erkannt. In seiner Strategie Gesundheit 2030 formuliert er das Ziel, die koordinierte und integrierte Versorgung in der Schweiz gezielt zu stärken. Hintergrund ist, dass Über-, Fehl- und Unterversorgung nicht nur erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheitskosten haben, sondern auch die Qualität und Wirksamkeit der Versorgung beeinträchtigen. Durch gezielte Anreizsysteme soll die Zusammenarbeit und Koordination zwischen den verschiedenen Leistungserbringern verbessert werden. Gleichzeitig sollen die Entschädigungsmodelle – wo immer möglich – stärker auf den Behandlungserfolg statt auf die Anzahl erbrachter Leistungen ausgerichtet werden. Ziel ist es, Doppelspurigkeit zu vermeiden, die Versorgung konsequenter an evidenzbasierten Standards auszurichten und eine nachhaltige Qualitätssicherung sicherzustellen.
Die integrierte Versorgung bietet diverse Potenziale:
Potenzial 1: Integrierte Versorgung als Weg zur Effizienzsteigerung
In den Diskussionen um die Gesundheitssystementwicklung ist zunehmend klar geworden, dass einzig Kürzen von Ausgaben nicht zu nachhaltiger Effizienz führt – vielmehr geht es darum, mit gleichen oder geringfügig veränderten Ressourcen mehr Wirkung pro Patient zu erzielen. Das bedeutet: Integrierte Versorgung kann ein entscheidender Schritt sein, um Effizienz nicht durch Druck auf Leistungen, sondern durch Optimierung des Versorgungsprozesses und bessere Vernetzung zu erreichen.
Potenzial 2: Digitalisierung und KI als Hebel für Effizienz und Qualitätssteigerung
Die schnelle Entwicklung von digitalen Gesundheitstechnologien und Künstlicher Intelligenz (KI) eröffnet gänzlich neue Möglichkeiten, wiederkehrende Aufgaben zu automatisieren, Daten nutzbar zu machen und damit Fachpersonen mehr Zeit für ihre Kernaufgabe – die Betreuung und Behandlung von Menschen – zu geben. In einer Review wurde hervorgehoben: «The integration of digital health and AI technologies in healthcare enhances efficiency by automating routine tasks, streamlining diagnostics, and allowing more time for nuanced patient care.» Für die Schweiz ergeben sich dadurch konkrete Potenziale: Eine Studie nennt etwa rund 8,2 Milliarden Franken an Verbesserungspotenzial durch Digitalisierung im Gesundheitswesen3).
Potenzial 3: Fachkräfte und neue Arbeits- sowie Kooperationsmodelle
Die Fachkräftesituation im Gesundheits- und Sozialwesen stellt eine strukturelle Herausforderung dar. Klassische Modelle – mit starrer Stellenverteilung, unflexiblen Arbeitszeiten – reichen nicht mehr aus. Integrierte Versorgung ermöglicht, Fachkräfte über Sektorengrenzen hinweg zu nutzen (z.B. ambulant, intermediär, stationär), Arbeitsmodelle generationsübergreifend zu gestalten (z.B. Teilzeit, Flexibilität, Weiterbeschäftigung über das Rentenalter hinaus) und damit das vorhandene Potenzial besser auszuschöpfen.
Potenzial 4: Koordination, Case-Management und zielgerichtete Steuerung der Versorgung
Ein weiterer entscheidender Hebel ist die Steuerung der Versorgung durch koordinierte Prozesse, Case Management und Triage statt isolierter Aktivitäten einzelner Einheiten. Die Versorgung könnte bedarfs- und zielgerichteter erfolgen.
Schlussfolgerung
Integrierte Versorgung – getragen von Digitalisierung, kluger Fachkräfteplanung, wirkungsorientierter Steuerung und Innovationskraft – bietet die Chance, die Leistungen kosteneffizienter und am richtigen Ort zu erbringen. Auch für die Leistungserbringer selbst ergeben sich wesentliche Vorteile: Durch die Vernetzung besteht die Chance zur besseren Planbarkeit der Leistungen (Zuweisermanagement), durch die Zusammenarbeit können Synergien in Administration, Bildung und weiteren Bereichen geschaffen werden.
Durch die Vernetzung erreichen insbesondere Spitex Organisationen und Heime die nötige Grösse und das Gewicht, um auch systematisch in einer Region zusammenzuarbeiten und gemeinsam in Technologie und Prozesse zu investieren.